In einer Welt, die von einer Flut an Bildern und algorithmisch optimierten Bildwelten dominiert wird, suchen die Fotografien von Andreas Usenbenz das Gegenteil: den genauen Blick, den Bruch, den flüchtigen Moment, in dem der Alltag aus dem Takt gerät.
Seine Bilder bewegen sich zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite steht die Komik des Zufalls: Zeichen, die sich selbst widersprechen, Dinge, die nicht zusammengehören und doch nebeneinander stehen, Menschen, die für einen Augenblick zur Pointe werden, ohne es zu wissen. Usenbenz zeigt das Absurde, ohne sich darüber zu erheben. Sein Blick ist ironisch, aber nie abschätzig.
Auf der anderen Seite steht die Stille: der einzelne Mensch vor großer Architektur, das Warten, das Innehalten. Hier wird der Mensch klein, und der Raum wird groß.
Usenbenz’ fotografischer Stil ist stark vom Film beeinflusst. Hartes Sonnenlicht schneidet Körper in Licht und Schatten, Silhouetten zeichnen sich scharf gegen Hauswände ab. Spiegelungen, Milchglas und Scheiben legen mehrere Ebenen übereinander, Bewegungsunschärfe löst Menschen im Vorbeigehen auf. Dabei arbeitet er in zwei Sprachen: in einem körnigen, kontrastreichen Schwarzweiß und in einer warmen, satten Farbigkeit.
Menschen erscheinen in diesen Bildern nicht als Statisten, sondern als Akteure. Usenbenz fotografiert oft aus der Hüfte, ohne die Kamera ans Auge zu nehmen. So bleibt er Teil der Szene, statt sie zu unterbrechen. Neben der Straße entstehen auch Arbeiten im Studio, halb inszenierte Serien und Aktfotografie – meist mit Menschen, die ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihren Körper haben. Auch hier gibt er keine Choreografie vor, sondern schafft einen Rahmen, in dem etwas entstehen darf. Ob gefunden oder gerahmt: Ihn interessiert, wie sich ein Körper zu dem Raum verhält, in dem er steht.
In den 1970er-Jahren warnte Susan Sontag in ihrem Werk „Über Fotografie“ davor, dass die unaufhörliche Produktion von Bildern unsere Wahrnehmung verflache und uns zu „Bildjunkies“ mache. Heutzutage entstehen Schätzungen zufolge jährlich fast zwei Billionen Fotos, die meisten davon für den schnellen Konsum in sozialen Medien gedacht.
Andreas Usenbenz setzt diesem Trend etwas Langsames entgegen: gedruckte Fotomagazine wie sein Zine Takes. Auf Papier erhält das flüchtige Bild Gewicht und Beständigkeit, sodass es immer wieder betrachtet werden kann.